Vom Gotteshaus zur Kreativwerkstatt: Wie Kirchen ihre Bestimmung neu finden
Die alten Gemäuer der Kirchen, die einst Orte der Andacht und des Glaubens waren, erleben heutzutage eine erstaunliche Transformation. In Europa ist es längst kein Geheimnis mehr, dass viele Gotteshäuser aufgrund schwindender Mitgliederzahlen umgewidmet werden. Ob nun als schicke Hotels, stilvolle Buchläden, erfrischende Pools oder gar pulsierende Nachtklubs – die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Architektur selbst. In Deutschland sind die Zahlen erschreckend: Im letzten Jahr traten rund 1,2 Millionen Menschen aus der Kirche aus oder verstarben. Das hat Folgen. Viele Kirchenimmobilien werden verkauft, da die Instandhaltung teuer und die Gebäude oft ineffizient sind. Seit 2015 wurden in Deutschland etwa 1000 Kirchen umgebaut, verkauft oder gar abgerissen. Man fragt sich: Was passiert mit diesen faszinierenden Bauwerken, die so viel Geschichte atmen?
Ein besonders spannendes Beispiel ist die katholische St.-Andreas-Kirche in Würzburg, die 2027 zur ersten Kletterkirche in Bayern umgebaut werden soll. Die Entweihung fand bereits Ende Juli 2023 statt. Was für eine kreative Idee! Die Biennale Manifesta 16 Ruhr, die sich bis zum 4. Oktober 2023 mit der Umnutzung von Gotteshäusern beschäftigt, zeigt, dass es hier um mehr als nur um Baukunst geht – es ist ein kultureller Wandel im Gange. Hedwig Fijen, die Direktorin der Manifesta, schätzt sogar, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren etwa 20.000 Kirchen in Deutschland aufgegeben werden könnten. Das klingt nach einem gewaltigen Umbruch.
Umnutzung als Trend
Die Kirche als Ort für neue kulturelle Erlebnisse – das scheint der Trend der Stunde zu sein. In den Niederlanden zum Beispiel ist jede fünfte Kirche nicht mehr religiös genutzt, was auf die strikte Trennung von Kirche und Staat zurückzuführen ist. In Deutschland hingegen bevorzugt die Mehrheit der Bevölkerung kulturelle Nutzungen für ehemalige Kirchen. Das Düsseldorfer Architekturbüro Nidus hat zum Beispiel die Ottokirche in ein modernes Einfamilienhaus umgewandelt. Und auch in anderen europäischen Städten sprießen kreative Ideen wie Pilze aus dem Boden. In Maastricht etwa gibt es das „Kruisherenhotel“, das in einem ehemaligen Kloster untergebracht ist, während die Franz-von-Assisi-Kirche in Heerlen zu einem Schwimmbad umgebaut wird, das 2027 eröffnet werden soll.
Es ist verblüffend, wie kreativ mit diesen historischen Bauten umgegangen wird. In Mailand wurde ein Nachtklub, der „Gattopardo Milano“, in einer ehemaligen Kirche eröffnet. Und auch Berlin ist nicht außen vor – die St. Agnes-Kirche hat sich in einen Kunst-Hotspot verwandelt, während die Heilig-Geist-Kirche in Essen als Kunstraum genutzt wird. Man könnte fast sagen, dass das Sakrale und das Profane hier auf eine neue Art und Weise miteinander verbunden werden.
Wissenschaftliche Perspektiven und Publikationen
Das Thema Umnutzung von Kirchen hat auch in der Wissenschaft an Bedeutung gewonnen. Im Jahr 2023 fand ein internationales Forum zur Kirchenumnutzung statt, und es gibt zahlreiche Publikationen, die sich mit den Herausforderungen und Perspektiven für sakrale Räume in der modernen Gesellschaft befassen. Dazu zählen unter anderem „Kirchen neu nutzen“ und „Diakonische Kirchen(um)nutzung“. Diese Werke zeigen nicht nur die Vielfalt der Ansätze auf, sondern auch, wie wichtig es ist, die sozialen und kulturellen Aspekte der Kirchenumnutzung zu berücksichtigen.
Ein Blick auf die vorherigen Publikationen, wie „Kirche im Wandel“ oder „Religiöses Kulturerbe im Wandel“, verdeutlicht, dass die Diskussion um die Zukunft der Kirchen nicht neu ist, sondern schon seit Jahren geführt wird. Es bleibt spannend zu sehen, wie sich dieser Prozess weiterentwickeln wird und welche neuen Ideen noch aus diesen alten Mauern hervorgehen werden.
