In Schwäbisch Gmünd gibt es einen 75-jährigen Mann, der Deutschland auf eine ganz besondere Art und Weise neu entdeckt hat. Werner Klotzbücher, der Seniorchef eines Autohauses, hat sich auf eine Reise begeben, die ihn in 82 Tagesetappen quer durch unser schönes Land führte. Sein Ziel? Der Fernwanderweg E1, der von der dänischen Grenze bei Flensburg bis nach Konstanz am Bodensee verläuft. Eine Strecke von über 2.000 Kilometern, die Klotzbücher mit viel Enthusiasmus bewältigte und dabei nicht nur die Landschaft, sondern auch sich selbst ein Stück weit besser kennenlernte.

Die Wanderung war nicht nur eine körperliche Herausforderung, sondern auch eine Reise ins Innere. Während er durch die verschiedenen Regionen Deutschlands wanderte, reflektierte Klotzbücher über Zeit, Religion und das eigene Verhältnis zum Sterben. Antworten fand er zwar nicht auf alles, doch die Auseinandersetzung mit diesen Themen war für ihn von großer Bedeutung. „Für solche Unternehmungen ist die mentale Vorbereitung wichtiger als die körperliche Fitness“, betont er. Der Geist, so seine Überzeugung, bestimmt, was der Körper leisten kann – und das ganz besonders, wenn man mit zu viel Gepäck unterwegs ist. Klotzbücher lernte schnell, seine Ausrüstung zu minimieren und wusch abends im Hotel seine Kleidung im Waschbecken.

Der Weg des E1

Der deutsche Abschnitt des E1 ist in 76 Etappen unterteilt und erstreckt sich über etwa 1.900 Kilometer. Diese Route führt über idyllische Landschaften, durch Hügelland und Mittelgebirge. Klotzbücher begegnete auf seinem Weg vielen anderen Wanderern, die ihm überwiegend freundlich gesinnt waren. Besonders beeindruckt hat ihn die Sauberkeit und Ordnung in Norddeutschland, wo die Begrüßung „Moin“ tagsüber zum Alltag gehört. An einem Tag durchquerte er einen hessischen Forst, der ihn nicht gerade erfreute – ein gerader Weg zwischen Bäumen, der sich endlos hinzog.

Eine Überraschung auf seiner Reise war das Gaststättensterben. In seinem Wanderführer von 2022 hatte er viele Hotels und Gaststätten verzeichnet, die mittlerweile nicht mehr existieren. So kam es, dass er in manchen Orten trotz ausreichender Größe keinen Gasthof mehr fand. Das war ein echtes Aha-Erlebnis für ihn und ein Zeichen dafür, wie sich die Gastronomie in Deutschland verändert.

Ein unvergessliches Erlebnis

Ein echtes Highlight seiner Wanderung war die Etappe durch Hamburg. Er hatte mit einer anstrengenden Großstadtstrecke gerechnet, doch die Stadt überraschte ihn mit ihrer Schönheit. Der Fernwanderweg E1 trennte ihn weitgehend vom Verkehr und bot ihm die Möglichkeit, die Stadt in Ruhe zu genießen. Besonders gefiel ihm der über 100 Jahre alte, stillgelegte Elbtunnel, der wie ein kleines Stück Geschichte wirkte. Langweilig wurde ihm auf keinen Fall – die wechselnden Landschaften, Baustile und Jahreszeiten sorgten dafür, dass jeder Tag ein neues Erlebnis bot. Er erlebte keinen Tag als identisch mit einem anderen.

Sein Gepäck war gut durchdacht: Ein Schweizer Taschenmesser war für ihn unverzichtbar, nicht nur wegen der praktischen Funktionen wie Pinzette und Schere. Damit entfernte er Zecken und schnitt gelegentlich etwas ab. Auf eine vollständig wasserdichte Regenjacke hätte er hingegen verzichten können – unter ihr schwitzte er mehr, als dass sie ihn vor Nässe schützte. Stattdessen trug er einen breitkrempigen Wanderhut als Sonnen- und Regenschutz und eine Windjacke. Nass zu werden, war für ihn kein Problem, solange er in Bewegung blieb. Umso erstaunlicher, dass er während der gesamten Strecke keine Blasen oder Verletzungen erlitt.

Die Erinnerungen an die Reise

Obwohl Klotzbücher kein Buch über seine Wanderung plant, hielt er jeden Abend seine Erlebnisse in E-Mails an die Familie fest. Diese kleinen Berichte bewahrte er auf und können ihm helfen, sich an viele Einzelheiten der Reise zu erinnern. Komischerweise hat er nach der Wanderung nicht das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein, doch die Bestätigung, Widerstände überwinden und unangenehme Dinge ausblenden zu können, war für ihn ein wichtiger Aspekt dieser Reise. Er empfiehlt jedem, der gerne läuft und die Natur liebt, sich auf den E1 zu begeben – die Vielfalt an Landschaften und Begegnungen ist unbeschreiblich und bereichert das Leben auf eine ganz eigene Art und Weise.