In den letzten Wochen kursieren in der deutschen Medienlandschaft Berichte über ein besorgniserregendes Phänomen an Berliner Berufsschulen. Mehr als 200 vietnamesische Auszubildende sollen an einer der größten Institutionen für gastronomische Ausbildung, dem Oberstufenzentrum Gastgewerbe, schlichtweg verschwunden sein. Wo sind sie hin? Das bleibt unklar. Die ZDF-Dokumentation „Die Spur“ beleuchtet diesen Fall und bietet Einblicke, die zum Nachdenken anregen.

Die Zahlen sind alarmierend: An der Brillat-Savarin-Schule in Berlin-Weißensee erscheinen etwa ein Drittel der ursprünglich angemeldeten vietnamesischen Azubis nicht mehr zum Unterricht. Hier werden rund 5.000 Menschen im Gastgewerbe ausgebildet, darunter etwa 700 aus Vietnam. Gewerkschafter Sebastian Riesner hat keine Ahnung, wo die verschwundenen Azubis sind. Seiner Einschätzung nach könnten sie in Nagelstudios oder in der Prostitution arbeiten. Und das ist kein Einzelfall – ähnliche Probleme gibt es laut Berichten bundesweit.

Schwarzarbeit als Ausweg?

Die Schulleitung der betroffenen Institutionen äußert sich zurückhaltend, und die Antworten der Senatsverwaltung sind oft ausweichend. Das lässt Raum für Spekulationen. Ein Insider berichtet, dass viele vietnamesische Azubis zunächst regulär an ihrer Ausbildung teilnehmen, nur um diese nach einigen Monaten abzubrechen. Der Grund? Schwarzarbeit scheint oft finanziell lukrativer zu sein. Vietnamesische Auszubildende zahlen an Vermittlungsagenturen in ihrer Heimat horrende Summen – bis zu 20.000 Euro. Diese Schulden drücken schwer und lassen das Ausbildungsgehalt oft unzureichend erscheinen.

Einige der jungen Leute nutzen den Ausbildungsvertrag nur als Visum-Grundlage. Mit einer Gesetzesänderung im Bundestag 2023, die die Einreise ausländischer Fachkräfte erleichterte, haben sich die Rahmenbedingungen für diese Praxis noch verschärft. Und während die Agenturen in Vietnam hohe Gebühren verlangen, ist die rechtliche Situation in Deutschland klar: Solche Gebühren sind hierzulande verboten.

Ein zwielichtiger Markt

Migrationsexpertin Mimi Vu beschreibt den Vermittlungssektor als „zwielichtigen Markt“. Verbindungen zwischen privaten Vermittlern und internationalen Netzwerken organisierter Kriminalität sind nicht nur ein Schreckgespenst, sie sind Realität. Fälschungen von Sprachzertifikaten und unzureichende Deutschkenntnisse erhöhen das Risiko einer Ausbeutung erheblich. Viele der Betroffenen sind hoch verschuldet und wissen oft nicht, welche Rechte sie haben. Und währenddessen wird der reguläre Schulbetrieb gefährdet, da Lehrkräfte überfordert sind, den Bedürfnissen der Schüler gerecht zu werden.

Ein weiterer Aspekt, den es zu beleuchten gilt: Die Bundesagentur für Arbeit kann keine verlässlichen Zahlen zu den vietnamesischen Azubis bereitstellen. Wer hat tatsächlich einen Aufenthaltstitel beantragt? Wer hat seine Ausbildung abgebrochen? Es bleibt ein Mysterium, das nicht nur die betroffenen Auszubildenden, sondern auch die Schulen und Arbeitgeber betrifft.

Ein System im Umbruch

Der Markt für ausländische Auszubildende wächst rasant. 2024 kamen rund 4.000 Vietnamesen hinzu, während die Gesamtzahl der Drittstaaten-Azubis von 7.000 im Jahr 2020 auf über 43.000 im Jahr 2025 anstieg. Besonders in der Pflege und Gastronomie sind sie gefragt. Doch die Schattenseiten sind alarmierend. Ein Blick auf die Lebensumstände vieler Auszubildender offenbart, dass diese oft unter katastrophalen Bedingungen leben müssen. In Thüringen etwa wurden vietnamesische Azubis in einer Unterkunft untergebracht, die kaum als menschenwürdig bezeichnet werden kann. Solche Missstände können nicht länger ignoriert werden.

Die Dokumentation „Die Spur – Das Rätsel der verschwundenen Azubis“ ist seit dem 28. Oktober 2026 in der ZDF-Mediathek verfügbar. Sie wirft einen kritischen Blick auf die Herausforderungen, mit denen die vietnamesischen Auszubildenden konfrontiert sind. Die Berichte über ihre Schicksale sollten nicht nur als Einzelfälle betrachtet werden – sie sind Teil eines größeren Problems, das dringend angegangen werden muss.