In Saas-Fee, im malerischen Wallis, erlebte eine Berggängerin eine unangenehme Überraschung in einer Bar: Es gibt kein Frauen-WC. Stattdessen müssen weibliche Besucherinnen auf ein „Natur-Pissoir“ zurückgreifen, das für viele als unzumutbar empfunden wird. Die direkte Sicht von der Sonnenterrasse auf das Pissoir sorgt zusätzlich für Unwohlsein. Um sich zu erleichtern, müssen Frauen eine Ski-Abfahrt hinunter zum Bergrestaurant Morenia – ein Weg, der mit Sessellift und allem Drum und Dran schnell mal 25 Minuten in Anspruch nimmt. Das sorgt nicht nur für einen Umweg, sondern auch für eine unangenehme Wartezeit, die in der Regel von den männlichen Gästen nicht nachvollzogen werden kann.

Die „Pit Stop Bar“ gehört zur Morenia-Beiz, die sich auf 2.550 Metern über Meer befindet. Ein Blick auf die sanitären Einrichtungen offenbart, dass im Wallis keine spezifischen Vorgaben für Frauen-WCs in Restaurants existieren. Die Regelungen variieren je nach Kanton, doch im Wallis gibt es schlichtweg keine Mindestanzahl an Toiletten für Frauen. Die Betriebsbewilligung wird von der Gemeinde erteilt, allerdings ohne gesetzliche Bestimmungen zu sanitären Einrichtungen. Nationalen Hygieneverordnungen zufolge sollten Toiletten für Männer und Frauen getrennt sein, doch Schlupflöcher im Gesetz erlauben theoretisch eine getrennte Nutzung.

Hygiene und Gendergerechtigkeit

Ein weiteres Manko der Bar: Es gibt keine Waschbecken, was schlichtweg gegen die Hygienestandards verstößt. Tiziana Boebner-Lombardo vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen stellt fest, dass es keine spezifischen Vorgaben zur Ausgestaltung von sanitären Einrichtungen für Gäste gibt. Dies wirft Fragen auf, besonders wenn man die ungleiche Verteilung der Toiletten im öffentlichen Raum betrachtet.

Ein Blick auf andere Bereiche des öffentlichen Lebens zeigt, dass Frauen im Vergleich zu Männern oft weniger Toiletten zur Verfügung stehen. So haben beispielsweise im Bundeshaus 93 Frauen im National- und Ständerat nur 21 WCs, während 153 Männer 25 Toiletten und 27 Pissoirs nutzen können. Historisch bedingt wurde das Gebäude zwischen 1894 und 1902 errichtet, als es noch keine Frauen in den politischen Ämtern gab. Die erste öffentliche Toilette für Frauen in Zürich wurde erst 1893 am Bürkliplatz eröffnet – vorher mussten Frauen im Freien ihr Geschäft erledigen.

Wartezeiten und Lösungen

Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass Frauen bei Veranstaltungen über 6 Minuten auf eine Toilette warten, während Männer nur 11 Sekunden benötigen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Die aufwendigere Nutzung von Sitztoiletten, der Wechsel von Binden oder Tampons und der generelle Mangel an Toiletten für Frauen führen zu längeren Wartezeiten. Diese ungleiche Verteilung der sanitären Einrichtungen ist nicht nur ein praktisches Problem, sondern auch ein Zeichen für die historische Männerdominanz in vielen öffentlichen Gebäuden.

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Um diese Missstände anzugehen, wird immer häufiger über Konzepte wie Gender Planning oder Gender Building diskutiert, die beide Geschlechter bei der Planung von WCs berücksichtigen. Unisex-Toiletten finden ebenfalls zunehmend Beachtung in der Diskussion über öffentliche sanitäre Einrichtungen. In einer Zeit, in der Gleichberechtigung gefordert wird, ist die Berücksichtigung von Frauen in der Planung von Toilettenanlagen ein Schritt in die richtige Richtung.

Insgesamt zeigt der Fall aus Saas-Fee, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse von Frauen in der Gastronomie und im öffentlichen Raum ernst zu nehmen. Die Diskussion über angemessene sanitäre Einrichtungen ist nicht nur eine Frage der Hygiene, sondern auch der gesellschaftlichen Gleichstellung.

Für weitere Informationen zu diesem Thema können Sie die Artikel auf Nau.ch und SRF nachlesen.