In Europa, wo die Kirchentreue so langsam zu bröckeln scheint, steht eine spannende Welle der Umnutzung bevor. Immer mehr Gotteshäuser werden nicht mehr als Orte des Glaubens, sondern als kreative Räume für ganz andere Zwecke in Szene gesetzt. Das Bild, das sich hier abzeichnet, ist eine Mischung aus Nostalgie und Modernität, eine Art architektonischer Neuanfang. Von Hotels über Buchläden bis hin zu Schwimmbädern – die Transformation ist so vielfältig wie die Gebäude selbst.

In Deutschland haben die sinkenden Mitgliederzahlen, die einige Quellen auf rund 1,2 Millionen Austritte oder Todesfälle im letzten Jahr schätzen, dazu geführt, dass Kirchenimmobilien oft verkauft oder umfunktioniert werden. Ein Beispiel ist die katholische St.-Andreas-Kirche in Würzburg, die 2027 zur ersten Kletterkirche in Bayern umgebaut werden soll. Ende Juli 2023 wurde sie entweiht, um Platz für neue Nutzungen zu schaffen. In den letzten acht Jahren wurden rund 1000 evangelische und katholische Kirchen in Deutschland verkauft, umgebaut oder abgerissen – das ist eine beeindruckende Zahl.

Ein Blick auf die Umnutzungen

Die Biennale Manifesta 16 Ruhr, die sich bis zum 4. Oktober 2023 mit der Umnutzung von Kirchen beschäftigt, wirft ein Licht auf diese Entwicklung. Direktorin Hedwig Fijen schätzt, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren etwa 20.000 Kirchen in Deutschland aufgegeben werden könnten. Das Düsseldorfer Architekturbüro Nidus hat beispielsweise die Ottokirche in ein Einfamilienhaus verwandelt. Und die Idee, Kirchen online zu verkaufen, ist inzwischen Realität – eine zwischen Hamburg und Berlin gelegene Kirche aus dem Jahr 1934 steht für 780.000 Euro zum Verkauf.

Die Meinungen über die Umnutzung von Kirchen sind gemischt, doch eine Studie zeigt, dass die Mehrheit der Deutschen kulturelle Nutzungen bevorzugt. In den Niederlanden wird jede fünfte Kirche nicht mehr religiös genutzt. Hier zeigt sich eine strikte Trennung von Kirche und Staat. In Maastricht wurde eine Dominikanerkirche in einen Buchladen umgewandelt, der mit einem 30 Meter langen, 18 Meter hohen Bücherregal aufwartet. Und in Heerlen hat man die Franz-von-Assisi-Kirche in ein Schwimmbad namens „Holy Water“ verwandelt – ein beeindruckendes Beispiel für diese kreative Umnutzung.

Ein paar besondere Highlights

Doch das ist noch lange nicht alles! In Llanera, Spanien, wurde die neoromanische Santa Barbara Kirche, die über 110 Jahre alt ist, in einen Indoor-Skatepark namens „Kaos Temple“ umgewandelt. Die Ausstattung mit Rampen und Sofaecken anstelle eines Altars sorgt für eine unverwechselbare Atmosphäre. Street-Art-Künstler haben Fresken gestaltet, die dem Ort einen besonderen Charme verleihen. Leider ist die Skate-Kirche momentan im Umbau und vorübergehend nicht zugänglich.

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In Antwerpen wurde ein ehemaliges Augustiner-Kloster in das Hotel „August“ umgewandelt, und in Mailand tanzen Nachtschwärmer im Nachtklub „Gattopardo Milano“, der in einer ehemaligen Kirche untergebracht ist. Auch in Berlin hat die St. Agnes-Kirche den Wandel vollzogen und sich in einen Kunst-Hotspot verwandelt, während die Heilig-Geist-Kirche in Essen zu einem Kunstraum umgebaut wurde. Es ist faszinierend zu beobachten, wie diese ehemaligen Gotteshäuser neue Leben einhauchen und sich der kulturellen Nutzung öffnen.

Diese Entwicklungen zeigen, dass die Architektur von Kirchen nicht nur die religiöse Geschichte widerspiegelt, sondern sich auch an die Bedürfnisse der heutigen Gesellschaft anpassen kann. Die Umnutzung von Kirchen ist mehr als nur eine Notwendigkeit – sie ist eine Chance, mit Kreativität und Respekt neue Räume zu schaffen, die den Menschen dienen. Ob als Ort der Erholung, der Begegnung oder der Kultur: Ehemalige Kirchen haben das Potenzial, die Herzen der Menschen auf ganz neue Weise zu berühren.